


(1904 - 1914)
von
Helmut Herreiner ©
Helmut Herreiner
Wir
danken Herrn Helmut Herreiner herzlichst für die Genehmigung zur Veröffentlichung
dieser Projekt-Geschichte
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Eine Eisenbahn durch
das Kesseltal |
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Vor
100 Jahren gab es verschiedene Pläne - Trass-Gestein aus dem oberen Kesseltal
sollte abtransportiert werden |
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Von
Helmut Herreiner Bissingen Viel
hat vor 100 Jahren nicht gefehlt, und durch das Kesseltal wäre damals eine
Eisenbahnlinie gebaut worden. Vor allem, um das Trass-Gestein aus dem oberen
Kesseltal gewinnbringender abzubauen, gab es gleich mehrere Pläne. Das
Konkurrenzdenken der umliegenden Städte, aber auch die zweifelhafte
Rentabilität solcher Pläne verhinderten jedoch letztendlich eine
Realisierung. Die heißesten Diskussionen um das Projekt fanden in den Wochen
zwischen Ostern und Pfingsten des Jahres 1906 statt. Schon
vor über 150 Jahren war erwogen worden, die erste Eisenbahn quer durch ganz
Bayern, die so genannte Ludwigs-Süd-Nord-Bahn, von Augsburg und Donauwörth
aus durch das Kesseltal in Richtung Nördlingen zu bauen. Nachdem daraus
nichts geworden war, tauchte vor etwa 100 Jahren die Idee auf, das Kesseltal
durch eine Eisenbahnlinie zu erschließen, um die Trass-Steinbrüche im oberen
Kesseltal besser industriell nutzen zu können. Zunächst plante die Gemeinde
Amerdingen in Zusammenarbeit mit der Stadt Nördlingen im Jahre 1904 den Bau
einer Eisenbahn von Amerdingen nach Nördlingen. Dieser Plan, der noch durch
eine Erweiterung von Amerdingen ins Donautal nach Höchstädt ergänzt wurde,
hatte zunächst durchaus Aussicht auf Verwirklichung. Als jedoch die Stadt
Donauwörth ab dem Jahre 1906 ebenfalls eine Kesseltalbahn - ab Donauwörth
über Tapfheim und von Bissingen nach Amerdingen - bauen wollte, entwickelte
sich rasch ein heftiger Streit, vor allem zwischen Nördlingen und Donauwörth,
in dem wirtschaftliche Interessen die wichtigste Rolle spielten. Es folgten
etliche Versammlungen in Amerdingen, Bissingen und Diemantstein, eine wahre
"Propaganda-Schlacht" in den Zeitungen und eine Vielzahl von
Eingaben und Briefen an das Bayerische Verkehrsministerium. Technische
Schwierigkeiten Vermutlich
privatrechtliche, aber auch technische Schwierigkeiten bei der Überwindung
der Höhenunterschiede am Albanstieg im Südries verhinderten eine rasche
Umsetzung der ursprünglichen Pläne. Im Frühjahr 1906 wurde aus Donauwörth
Interesse an einer Bahnlinie von dort aus ins Kesseltal bekundet. Als
Knotenpunkt hervorragender Bahnlinien sei Donauwörth für das ganze Kesseltal
von größerer Bedeutung als Höchstädt, verlautete aus Donauwörth. Außerdem sei
eine Bahnlinie Donauwörth-Bissingen- Diemantstein-Amerdingen das einzige
Projekt, das auch Aussicht auf Verwirklichung habe. Kesseltalbahn-Komitee
gewählt Das
Donauwörther Anzeigeblatt berichtete am 11. April 1906 von einer
Vorbesprechung zum Thema "Lokalbahn Donauwörth-Amerdingen" mit etwa
50 Kesseltaler und Donauwörther Bürgern, die zwei Tage zuvor in Bissingen
stattgefunden hatte. Geleitet
wurde diese Besprechung von Ludwig Auer, dem Vorsitzenden des Handels- und
Gewerbegremiums Donauwörth. Ein provisorisches Kesseltalbahn-Komitee wurde
bei dieser Gelegenheit gleich gewählt. Nicht nur in Nördlingen, sondern auch
in Höchstädt und in Dillingen stießen die Donauwörther Aktivitäten auf
Unverständnis. Aus Dillingen verlautete, dass es nicht verständlich sei,
warum Donauwörth für das Kesseltal von größerer Bedeutung als Höchstädt sei,
nachdem doch die Kesseltaler üblicherweise nach Höchstädt gingen und sich
dort die wichtigsten Behörden befänden. Auch zum Absatz der
landwirtschaftlichen Produkte bräuchten die Kesseltaler keinen Knotenbahnhof
wie Donauwörth. Die
treibende Kraft auf Donauwörther Seite zum Thema "Kesseltalbahn"
war Ludwig Auer. Dieser wirkte in Donauwörth seit 1875 als Unternehmer,
Pädagoge und Politiker. Die 1906 entdeckte spätere "Auerquelle"
lieferte Ludwig Auer ein weiteres Argument für seine Idee einer Kesseltalbahn
von Donauwörth über Bissingen nach Amerdingen. Das Interesse von Ludwig Auer
an einer Eisenbahnlinie ins Kesseltal kam nicht von ungefähr. Als
Vorsitzender des Handels- und Gewerbegremiums Donauwörth wusste er davon,
dass im Kesseltal große Mengen von Trassgestein, auch als Suevit bekannt,
lagerten. Entstanden ist das Trass-Gestein durch die Ries-Katastrophe, als
verschiedene Gesteine miteinander verschmolzen. Das allerdings wusste man in
den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts noch nicht, sondern man glaubte, die
Trass-Aufschlüsse im Südries und im Kesseltal seien vulkanischen Ursprungs. Als
Baustein fand Kesseltaler Trass bereits im Spätmittelalter Verwendung. Nach
dem Dreißigjährigen Krieg wurde kaum noch Trass abgebaut. Dies änderte sich
im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, als beispielsweise die Festung Ulm,
aber auch Gebäude in Augsburg und sogar das Münchner Verkehrsministerium aus
Kesseltaler Trassgestein errichtet wurden. Allein die drei Steinbrüche
Altenbürg, Aufhausen und Amerdingen der Firma "Deutsche Steinwerke
Vetter" umfassten eine Fläche von mehr als zehn Hektar mit einem
nutzbaren Felsvorrat von rund zwei Millionen Kubikmetern. Beschäftigt waren
in den drei Brüchen bis zu 120 Arbeiter. So verwundert es nicht, dass in
diesen Jahren in den Städten rund um das Kesseltal die Idee aufkam, eine
Eisenbahnlinie dorthin zu bauen. Die Teilhabe an der Ausbeutung der
Trasslagerstätten konnte schließlich der wirtschaftlichen Prosperität jeder
Nachbarstadt nur förderlich sein. Versammlung
im Freien Am
Pfingstmontag des Jahres 1906 waren bei einer Veranstaltung in Amerdingen
eine Stunde vor dem anberaumten Beginn so viele Interessierte anwesend, so
dass die Versammlung trotz drohenden Regens und nassen Bodens ins Freie
verlegt werden musste. Die Versammlung dauerte trotz des widrigen Wetters
knapp drei Stunden. Ludwig Auer als Vorsitzender des Kesseltalbahn-Komitees
hielt eine lange Rede. Eine siebenköpfige Delegation des
Kesseltalbahn-Komitees, darunter zwei Abgeordnete, begab sich am 27. Juni
1906 in das königliche Verkehrsministerium, um auch mündlich die Pläne und
Vorstellungen darzulegen und zu begründen. Vom Herbst 1906 existiert noch ein
von den Professoren Dr. K. Endriß und Dr. K. Oebbeke ausgearbeiteter Plan
einer Trassenführung von Donauwörth nach Amerdingen. Die Bahn sollte - von
Donauwörth ausgehend - bei Erlingshofen von der Staatsbahn
Donauwörth-Dillingen in das Kesseltal abzweigen und über
Brachstadt-Oppertshofen-Kesselostheim-Unterbissingen-Bissingen-Göllingen-Fronhofen-Unterringingen
und Zoltingen nach Amerdingen führen. Die
Gesamtlänge dieser projektierten Bahnlinie betrug etwa 26 Kilometer, der
Höhenunterschied gut 100 Meter. Aus dem Plan ersichtlich ist auch, dass von
Amerdingen aus eine Verlängerung in Richtung Neresheim zur Härtsfeldbahn
zumindest angedacht war. In einer Sitzung des Kesseltalbahn-Komitees im
Bräuhaus in Bissingen am 7. Oktober 1906 referierte Dr. Endriß, Professor der
Geologie an der technischen Hochschule Stuttgart. Dieser sprach von
glänzenden Aussichten, die sich durch nähere wissenschaftlich-technische
Untersuchungen für das Kesseltal eröffnen würden. Negative
Nachricht Diese
Berechnungen stießen indessen in München nicht auf offene Ohren. Einer
Deputation der Städte Höchstädt, Dillingen und Lauingen, die am 15. Mai 1907
in das Verkehrsministerium reiste, wurde vom Staatsrat mitgeteilt, dass die
Berechnungen nicht zur Vorlage in der Abgeordnetenkammer ermunterten. Die
Summen, die aufgewendet werden müssten, ließen keine entsprechende
Rentabilität erhoffen. An zu erwartenden Baukosten wurden bei diesem Gespräch
genannt: Nördlingen-Diemantstein 180 000 Mark, Diemantstein-Höchstädt 900 000
Mark und Tapfheim-Amerdingen 1 300 000 Mark. Eine negative Nachricht folgte
am 28. Mai 1907: In einer Entschließung des Königlichen Staatsministeriums
für Verkehrsangelegenheiten hieß es, dass der Herr Staatsminister aus
finanziellen Gründen nicht in der Lage sei, eine Verwirklichung der
Bestrebungen der Interessenten für eine Kesseltalbahn in Aussicht zu stellen.
Auch bei der Handels- und Gewerbekammer für Schwaben und Neuburg in Augsburg
wurde der Streit zwischen den drei Interessengruppen Nördlingen, Donauwörth
und Höchstädt/Dillingen auf den Nenner gebracht, die wirtschaftlichen
Verhältnisse des Kesseltales ließen nur wenig Hoffnung auf die erfolgreiche
Alimentierung einer Bahnlinie. Land- und Forstwirtschaft sowie die Viehzucht
erbrächten nur spärliche Gütertransporte, die geringe Bevölkerung nur einen
unzureichenden Personenverkehr. Kooperation
statt Konfrontation Eine
Bahnlinie aus dem Kesseltal ins Donautal über Tapfheim oder Erlingshofen nach
Donauwörth kam inzwischen auch den Interessen der Städte Höchstädt, Dillingen
und Lauingen entgegen, nachdem das Verkehrsministerium jeglichen Plänen von
Amerdingen nach Höchstädt eine deutliche Absage erteilt hatte. Die Betriebe
und Geschäfte der drei Donaustädte konnten nur so auf eine zahlreichere
Kundschaft aus dem Kesseltal hoffen. Im März des Jahres 1910 kam wieder
Bewegung in die ganze Angelegenheit. Überraschend gingen Meldungen durch die
Lokalpresse, dass die beiden bisherigen Kontrahenten Donauwörth und Nördlingen
in der Bahnfrage zusammenarbeiten wollten. Nachdem jedoch diverse
Untersuchungen des Trass-Gesteins nicht zu den gewünschten Ergebnissen
führten und manche anderen, ähnlich gearteten Bahnprojekte in Bayern sich als
wenig rentabel erwiesen, konnte man sich weder in München noch in Augsburg
dazu durchringen, einem Kesseltalbahn-Projekt "grünes Licht" zu
erteilen. Die
Gemüter erregt Am 14.
April 1913 wurde mitgeteilt, dass die Aussichten einer Lokalbahn vom
Kesseltal nach Nördlingen trotz des Entgegenkommens der betroffenen
Landgemeinden und der Stadtgemeinde Nördlingen sehr gering seien. Ludwig
Auer, der große Mentor und Förderer der Kesseltalbahn, verstarb am 28.
Dezember 1914 im Alter von 75 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalles. So
verschwand etwa zeitgleich mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges ein
Bahnprojekt still und leise in der Versenkung, das die Gemüter in
Nordschwaben von Nördlingen über Donauwörth bis hin nach Dillingen und
Lauingen und zugleich im benachbarten Württemberg, aber auch in Augsburg und
München mehr als ein Jahrzehnt erregt hatte. Anstelle
der Eisenbahn erhielt das Kesseltal eine Kraftpostverbindung erst einige
Jahre später. Im Jahre 1926 wurden auf den Strecken Donauwörth-Bissingen und
Donauwörth-Monheim die ersten Kraftomnibusse eingesetzt. Statt des
Eisenbahnzeitalters begann somit im Kesseltal das Kraftfahrzeugzeitalter und
der Siegeszug der Motorisierung. |
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