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Weihnachten im Kesseltal in den siebziger Jahren
- von Marianne Beierle aus Burgmagerbein
 Weihnacht am
Riesrand
Die Arbeit auf dem
Feld ist getan. Die Ernte des Jahres lag sicher in den Scheunen. Allerheiligen
war gekommen. Die Natur begann ihren großen Winterschlaf und Nebel lag über den
Dörfern. Die Nächte wurden länger und der Tag kürzer. Es begann die stille Zeit
in der wir die Abende in der warmen Küche verbrachten.
Einen ersten Hauch
von vorweihnachtlicher Stimmung brachte uns "dr Merdesdag". Am
"Vorobad" des 11. Novembers beschenkte uns der Nußmärtel mit
Lebkuchen, Mandarinen und Nüssen. So manches Jahr brachte er auch eine Rute
mit.
Die wirkliche
Vorweihnachtszeit brach jedoch erst mit dem ersten Adventssonntag an.
D'r Vater holte
Zweige vom Wald. Am Samstag vor dem ersten Advent kramte ich in der großen
Holztruhe auf dem Dachboden die Adventssachen hervor. "Oser"
Adventsgesteck bestand aus einer dicken runden Holzscheibe aus Eichenholz. In
diese waren vier Nägel gehauen. D'Mutter steckte neue leuchtend rote Kerzen auf
die Nägel. Mit kleinen Tannenzweigen, roten Schleifchen Tannenzapfen und Draht
"hots em Nu" a kloins Kunstwerk zaubert. Am Obad während der
Adventszeit zündeten wir oft die Kerzen an und "hond bet und gsunga".
Alle Familienmitglieder sehnten den vierten Advent herbei, an dem alle vier
Kerzen des Adventskranzes brennen.
Die
vorweihnachtliche Zeit war auch geprägt durch den Duft von frischgebackenen
Plätzchen. Im ganzen Haus roch es nach Honig, Zimt und Lebkuchenteig. Allerlei
Sorten wurden gebacken, Spitzbuben, Butterplätzchen, Zimtsterne, Lebkuchen und
Kokosplätzchen, Florentiner und noch mehr. Mit dem Plätzlebacken fingen wir
meist erst nach dem ersten Advent an, denn sonst "sends gesa bis an
heiliga Dag", so Mutter's Begründung. Vom 4.Adventssonntag bis zum
Weihnachtstag, diese Zeit erschien uns Kindern wie eine Ewigkeit. Jeder Tag so
lang, die Stunden bis zum Fest noch so unendlich viele. Mit Schlittenfahren und
Schneeburgbauen versuchten wir uns das Warten erträglicher zu machen. Mutter
und Vater waren Tage vorher noch "Närle"(Nördlingen) in die Stadt gefahren
um Geschenke für jeden zu besorgen. Unsere Mutter wußte gute geheime Verstecke
für die Geschenke, die wir "Kender" unermüdlich suchten, ja und
manches Mal sogar auch fanden. In den letzen Tagen vor dem Fest war es auch der
Brauch, die Stollen zu backen. Mit viel Nüssen, Sultaninen,Orangeat und
Zitronat und Rum und natürlich mit einem guten Hefeteig wurde ein leckeres
Gebäck hergestellt. Vor dem Weihnachtsfest wurde auch noch das ganze Haus
gründlich geputzt und es war "blitze blank" am Weihnachtsfest. Am
Tag" vorm Heiliga Obad" holte dr Vater einen "Tannaborn"
aus unserem Wald. Als wir noch kleinere Kinder waren, durfen wir mit unserem
Vater mitkommen und ihm mit Rat und Tat zur Seite stehen bei der Auswahl
unseres Christbaumes.
Wenn nun Schnee
auf den Feldern und Wiesen lag, so banden wir unsere Schlitten hinten am
Traktor fest. Als Vater nun losfuhr zog er uns mit dem Traktor hinten nach.
"Freilig des war scho 0 gefährlich aber 0 so lustig ond os hond so a Fred dra kett. Haben wir dann endlich nach
langem Hin und Her "da scheasta Tannabom vom ganza Holz" gefunden, so
fuhren wir "hoi" und dr Vater machte den Baum so zurecht daß er in
unseren Ständer paßte. D'r Georg und d'r Vater stellten den Baum dann in d'r
Stub, em Wohnzimmer auf. "Zs richta isch de Weibsleut ihr Sach"
meinte er und verschwand. Ja tatsächlich, Margit und d Mutter schmückten den
Baum mit Kerzen, bunten Kugeln, Strohsternen, Engala, Schleifchen und etlichem
anderen Weihnachsschmuck. Auch die Sterne die wir Kinder in der Schule
bastelten wurden voller Stolz an den Baum gehängt. Das schon mehrfach benutzte
silberglänzende Lametta dürfte natürlich auch nicht fehlen. Zum Schluß
wurde ein großer goldener Stern an der Spitze des Christbaumes befestigt. Jahre
später wurde unser Christbaum dann mit einer elektrischen Beleuchtung
"ausgestattet". War dr Christbom no fertig gricht, dann kamen wir oft
ins schwärmen und stellten fest "An schena Christbom hommer, gewiß da
schensta em ganza Dorf'.
Jetzt darf i ans Werk mit dem Aufstellen und Herrichten der Krippe. Zuerst
lege ich ein großes weißes Tuch unter den Tannenbaum, "om da Debichboda
zom schona"."Dann stelle ich den Stall von Betlehem in die Mitte,
Maria und Josef, die Krippe mit dem Jesuskind, Ochs und Esel dazu hinein.
Getrocknetes Moos kommt links und rechts neben den Stall. Auch der
"Verkündigungsengel mit dem Stern" darf über dem Stall nicht fehlen.
Die Hirten und Schafe, die Feuerstelle und den Brunnen setze ich in die Felder
"von Betlehem". Auch die Heiligen Drei Könige gehören dazu. Zum
Schluß gestalte ich die Landschaft meines Heiligen Landes noch aus mit Steinen,
Sträuchern und liebevoll gezimmertem kleinen bäuerlichem Zubehör.
"Is Kripple
no endlich fertig gricht, so will jedes Familienmitglied schauen und freut sich
ersichtlich übers bevorstehende Fest.
Am "Dag vorm
Heiliga Obad" richten wir auch die Weihnachtsteller mit den Plätzchen her.
Nun endlich werden die gut versteckten Blechdosen ans Licht geholt und
verteilt. Sie sind ja bereits halb leer. Wer hat denn da heimlich genascht?
Während dem Herrichten "nasch mr a wenig" und nachher wird mir immer
ganz schlecht davon.
Am Vorabend des
Heiligen Abends zünden wir zum letzten mal die roten Kerzen des
Adventsgesteckes an. Sie sind schon klein gebrannt und die Zweige verlieren
ihre dürren Nadeln. Zum letzen Mal singen wir ,,0 komm, 0 komm Emmanuel" und ,,0 komm
Du wahres Licht der Welt". Margit stellt fest: Oi mol mes mr
no schlofa no kommt's Christkindle". Die Spannung steigt und jeder erwartet die Heilige Nacht.
Der so hoffnungsvoll erwartete 24. Dezember ist gekommen, aber leider ist es
erst sieben Uhr früh. Du öffnest das letzte Türlein des Adventskalenders an der
Wand und Du findest die Krippe, das Jesuskind und Maria und Josef. Alles im
Haus ist erfüllt von der Seligkeit und der Besonderheit dieses Tages. Aus dem
Radio erklingen festliche Weihnachtslieder. Ganz romantisch ist es dann wenn
draußen die Schneeflocken still und sanft auf die Erde rieseln. Freue Dich, es
ist Weihnacht! Überall wird die Besonderheit des heutigen Tages sichtbar. Auf
dem Hof werden nur die nötigsten Arbeiten verrichtet. Heute muß auch noch
ausreichend Futter für die Feiertage hergerichtet werden. Nachmittags will die
Zeit nicht vergehen: Minuita werad zo Stonda". So wird heute am späten
Nachmittag zu ungewöhnlich früher Zeit "end Stall ganga, weil ma fertig
wera will". Während dessen richten ich, Margit und Oma das
"Obadessa". Nach altem Brauch gibt es am Heiligen Abend Gschwollene,
, Kartoffelsalat, gemischten grünen Salat a guta Soß und frische Semmla. Der
Tisch wird anders gedeckt als gewöhnlich, aber nicht zu festlich. Ist die
Stallarbeit getan und d'Viecher versorgt, essen wir gemeinsam nach dem Gebet zu
Abend. Aus dem Radio erklingen festliche Weihnachtslieäer. Die Spannung steigt
unendlich, alle, besonders wir Kinder, warten auf die Bescherung. Nach dem
Essen geht unser Vater ins Wohnzimmer "ond gschoppt ob's
Christkendle" scho do war". Und wir, wir warten ... in diesem Moment
denk ich immer an die Worte "Alle Augen warten auf Dich 0 Herr". Erkiingt dann das
Glöcklein, das uns ruft, so gehen wir ins Wohnzimmer, wir stehen vor dem
Christbaum und vor der Krippe. Während wir beten und singen "Stille
Nacht" und 0 du Fröhliche" strahlen die Augen vor dem festlich
geschmückten Christbaum. Das ganze Wohnzimmer ist erfüllt von strahlender
schimmernder Seligkeit. Das Funkeln und Glitzern der bunten Kugeln und des
glänzenden Lamettas erfüllt mit großer Freude. In der Krippe unter dem
strahlenden Baum liegt das Jesuskind in der Krippe im Stall von Betlehem.Jetzt
gibt es endlich die Geschenke. Jeder hat für
jeden ein kleines Geschenk und jeder ist mit dem Auspacken beschäftigt und in
jedem Gesicht ist Freude und
Überraschung und strahlende Zufriedenheit sichtbar. Wieviel Schleifchen und
Geschenkpapier liegt am Boden. "Welch a Fred, welch a Sega en dieser
hochheiliga Nacht"! Nach der Bescherung sitzen wir gemütlich im Wohnzimmer
bei Glühwein und Plätzchen beim Christbaum und bei unseren Geschenken. Langsam
wird es dann allmählich Zeit, sich gut warm anzuziehen für die Christmette.
"Es isch a bsondra Fred und Seligkeit d's Degge(Mönchsdeggingen')
d'Christmette mit zom feira", besonders wenn die Landschaft und die Felder
mit Schnee bedeckt sind und wenn die Sterne am Himmel in unendlicher Pracht
leuchten. Wenn wir dann auf dem Weg nach "Degge" in unserem Auto
sitzen, dann beginnt unser Vater und d'Mutter zu erzählen, wie's früher war.
"Os send frier mit de Geil ond mim Schlitta rei gfahra, durchs Holz. 00 war d Christmett um 12 Uhr nachts. Gfrora hots os wie an Schender aber
schea, schea war's so. I ka gut versteha: So romantisch die Heilige Nacht
verbracht zu haben "des bleibt in guter Erinnerung". Sind wir dann in
Mönchsdeggingen angekommen, so beginnt bald schon die Christmette. Alles liegt
im Dunkeln, nur die Kerzen brennen. Ja und vorallem dia wunderschön strahlenden
Christbäume links und rechts vom Hochaltar verzaubern jeden
Gottesdienstbesucher und versetzen ihn in stilles seliges Staunen .
.... " Dia viele Engala en dr Kirch erscheinet heute fast lebendig. Em
schimmernda Kerzenschein könnt ma grad meina sie alle send direkt von Betlehem
do her gfloga om mit os zu jubla. "Erst wenn der Gottesdienst beginnt in
der ehrwürdigen wunderschönen barocken Klosterkirche, erst jetzt erstrahlt das
Licht. " En dr Heiliga Nacht dauert d'Mess'bsondrs lang weil dr Chor ono
sengt". D's gröschte isch: Wenn dem ganzen Volk das Evangelium feierlich
vorgetragen wird und die Geburt Jesu Christi verkündet wird und wenn zum Schluß
die Lichter erlöschen und die ganze Gemeinde "Stille Nacht, heilige
Nacht" singt. Nach alt überliefertem Brauch heißt es, in der Hei- ligen Nacht geht
jeder Wunsch in Erfüllung, und weiter ist zu berichten: Jeder der in der
Heiligen Nacht in den Stall geht, der "hört d Viecher reda".
Im
Brauchtumskalender sind die "hohen Weihnachtstage" besondere
"Lostage" und allerlei Bräuche gibt es dazu. Beispielsweise sollen in
der Christnacht 12 Zwiebelschalen mit Salz bestreut auf den Tisch gelegt werden
- für die 12 Monate des Jahres. Je nachdem wieviel Wasser sie bis zum
Weihnachtsmorgen gezogen haben, so feucht wird der Monat des neuen Jahres sein.
Eine ganz besondere Bedeutung mißt der Bauer auch den gesamten Tagen vom
Weihnachtstag bis zum "Heiligdreikenigsdag" zu. Er beobachtet das
Wetter ganz genau denn jeder Tag stellt einen Monat im neuen Jahr dar. Für die
Hausfrau gilt "Koi Wäsch naus hänga über Nacht en de Losnächt!"
Der eigentliche
Weihnachtstag wird festlich gegangen. Zum Mittagessen "gibt's a End mit
Blaukraut und Knödel" Am ersten Feiertag kommt die ganz' Verwandschaft
zam' und jeder bekommt ein kleines Geschenkle. Dann wird bei Kaffee und Kuchen
und Plätzchen Weihnachten gefeiert, ebenso am "Stephansdag".
Sind dann die
hohen Weihnachtstage vorbei, meint dr Vater ganz erleichtert:"Zeit werds
das dia Feierde rom send, iast mesmr wieder a mohl ebbes schaffa". So
nimmt als dann wieder der Werktag seinen Lauf bis an Silvester.
Do isch's dr Mutter ganz wichtig daß ma end Johresschlußandacht got ond
em Herrgott dankt
für die Gesundheit von Mensch und Tier im zu Ende gehenden Jahr. Am
darauffolgenden Tag, dem Neujahrstag "got ma zom Nuijohrwescha".
Wieder wird bei Kaffee und "Nuijohrskrapfa" (Hefeteig mit fein
gewürztem Apfelmus mit Streuseln) ein gemütlicher Feiertag verbracht.
Für uns endet die Weihnachtszeit eigentlich nicht mit Mariä Lichtmeß,
sondern bereits scho mit dem "Heilig Drei Königstag", der Erscheinung
des Herrn. In der Kirche werden Weihrauch, Weihwasser und Kreide geweiht und
"mit heim gnomma". Ein besonderer Brauch ist noch erhalten geblieben,
nicht Sternsinger besuchen uns. Am Tag nach "Heilig Drei Kenig" kommt
"dr Pater Benno" in jedes Haus des Dorfes zum Heile Drei Kenig
aschreiba" Er schreibt an die Haustür und auch an die Stalltür C + M + B
(Christus mensionem benedicta = Christus segne dieses Haus) dazu
noch die Jahreszahl, und bringt den" Sega fr Haus ond Hof, fr d Leit ond
frs Vieh.
War dann dr Herr Pfarrer do, no def ma da Christbom, der eh scho alle Nodla
verliert, wegdoa und das neue Jahr nimmt seinen Lauf.

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