Tage und Jahre vergingen. Mir blieb er
jedoch in allerbester Erinnerung. Nun wurde was damals geschah wieder lebendig.
Als ich erfuhr er ist hier traf es mich tief und ich war glücklich und wollte
doch weinen. Mir kamen die Erinnerungen aus meiner Kindheit in den Sinn. Ich
spürte wie er mich in den Arm genommen hat und wie fest er mich hielt. - Jetzt
liegt er dort allein, fast nahe bei mir. Oft musste ich an ihn denken. Zu
dieser Zeit besuchte ich noch die Schule. Montags hatte ich nachmittags
Unterricht - lange quälte mich schon nur der eine Gedanke. Sollte ich ja musste
ich ihn denn nicht endlich besuchen. Meine Gedanken waren durcheinander, nur
diese eine Sorge wollte mir nicht aus dem Sinn. Der Unterricht lief an mir
vorüber, ich saß nur da und rang mit meinen Gedanken. Endlich, nach langem Überlegen,
war ich zu dem Entschluss gekommen ihn zu besuchen. Ich spürte tiefe Erwartung
und unsagbare Angst in mir. Ob mein Vorhaben richtig war wusste ich nicht doch
ich musste es tun. Viele Fragen beschäftigten mich, wird er mich noch kennen?
Wie wird der daliegen? Was wird er mir erzählen und vor allem was werde ich ihm
sagen?
Die Schulglocke läutete, endlich. Soll
ich gehen? Der Unterricht war aus.
Ich zog meine Jacke an und frisierte
noch rasch mein Haar. Am Ende des Schulhofes hielt ich noch einige Sekunden
inne und fand die Kraft zu dem Entschluss ihn doch zu sehen. In meinem
Innersten flehte ich zum Herrn. Ich lief an den Häusern vorbei. Sie waren mir
so vertraut und doch kamen sie mir heute so fremd und leer vor. Mir kamen so
viele Erinnerungen in den Sinn. Als kleines Kind hatte er mich so gern. Wie oft
nahm er mich in seine Arme und wie oft habe ich gelacht mit ihm und wie oft
blickte ich erwartungsvoll auf zu ihm.
Viele wunderschöne Stunden hatte er mir
in meiner Kindheit geschenkt. Der Weg erschien mir als ein einziger Rückblick,
wie ein riesiges Fotoalbum in dem ich blättern konnte. Dieser Weg, ich besorgte
noch Blumen, war so kurz und doch unendlich weit. Jetzt war es soweit ich stand
vor der Eingangshalle und wusste nicht ob ich hineingehen sollte. Meine Beine
gingen jedoch weiter und ich stand vor dem Empfang. Zaghaft und ängstlich
sprach ich seinen Namen aus und fragte nach seinem Zimmer. Als ich den Weg nun
wusste und durch die weißen Flure und die Treppen hinaufstieg wurde meine Angst
zu brennendem Schmerz. Durch diese Glastüre und den Gang noch entlang.
Das
Schwesternpersonal war freundlich. Noch einige Schritte, Schritt für Schritt
mehr Angst und größere Hoffnung. Hier, sein Zimmer. Da stand ich, allein und
verlassen mit meinem Vorhaben. Mir war so bange. Ich wollte umkehren. Tief
atmete ich durch und nahm alle Kraft zusammen. Meine Hand zitterte, sie war
eiskalt und zaghaft klopfte ich an die große weiße Türe. Kurz darauf vernahm
ich ein feines "Herein".
In diesem Moment von seliger
Zufriedenheit umgeben und vor Angst fast erschlagen spürte ich wie meine Hand
die Türklinke niederdrückte und ich betrat sein Zimmer. In diesem Moment schien
die Welt verloren, Augenblicke in denen zwei Menschen in Innigkeit 'und Staunen
versunken sich begegnen. Im nächsten Moment begann ich ihn herzlich zu
begrüßen. Und er nahm mich in seine Arme und er schenkte mir das Gefühl an das
ich mich so sehr erinnerte. Angst hatte ich er könnte mein Herz klopfen hören.
In meinem Innersten war ich zutiefst erschüttert und getroffen doch auch
unermeßlich glücklich. Ich durfte an seinem Bett sitzen und ihm zuhören.
Zuhören und offen sein für die Gedanken über sein Leben die er mir schenken
wollte. Die Blumen legte ich ins Wasser und dann setzte ich mich wieder an sein
Bett. Den Rosenkranz hielt er noch immer in seiner Hand. Er erzählte mir so
vieles und ich versuchte im alle Hoffnung dieser Welt zu geben und er nahm
meine Hoffnung an.
Vielleicht spürte er, daß hinter diesen Worten viel mehr
stand als ich sagen konnte. Er verstand das ich ihm für sein
weiteres Leben, für alles was ihm noch bevor stand, Kraft aus unserem Glauben
schenken wollte. Ich merkte das dies für ihn Erfüllung war. Später versicherter
er mir ich sei sehr klug geworden und ich solle mir meinen Glauben bewahren. Er
bat mich mit ihm noch einige Schritte auf dem Stationsgang auf und ab zu gehen.
Gerne tat ich ihm diesen Gefallen.
Jetzt erst bemerkte ich wie alt und gebrechlich
er doch geworden war. Seine Worte jedoch und seine liebenswerte menschliche Art
und seine gütigen Hände waren noch genau so wie ich sie in meiner Erinnerung
hatte. Ich war selig ihn begleiten zu dürfen. Als er später wieder in seinem
Bett lag war er müde jedoch seine Augen waren glücklich. Er wußte das ich nicht
nur einfach so gekommen war, er wusste es ist mehr, doch keiner wagte darüber zu sprechen.
Noch
einige Male besuchte ich ihn. Drei Monate etwa nach meinem ersten Besuch starb
er. Auf ganz wunderbare Weise hat sein Leben mich geprägt.